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Ich erzähle, sie nickt ...

Vera Sturm

Der 5. Januar ist nicht nur mein Geburtstag. Ich teile ihn mit unserem 12. Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier, der heute 70 Jahre alt wird, und Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der heute seinen 150. Geburtstag feiert. Anders als meine Mitgeburtstagskinder möchte ich in der Schule bleiben und nicht in die Politik einsteigen.

Als renommierte Reporterin durfte Vera über diesen doppelten runden Geburtstag einen Artikel verfassen. Freudig erzählt sie Kim davon, die schon alles zu wissen behauptet.

„Schau dir dieses Meme einmal an.“ Lachend drehte Kim ihr Handy um, sodass ich auf den Bildschirm schauen konnte.

„Das ist Frank Walter Steinmeier“, stellte ich verblüfft fest.

Nun lag es an Kim, verblüfft zu schauen. „Du kennst den?“

„Den solltest du auch kennen! Schließlich lebst du nicht erst seit gestern in Deutschland, Kim!“

„Aber sicher, ich weiß, wer das ist“, sagte sie schnell.

„Ach ja?“ Gespannt wartete ich auf eine Antwort.

„Du willst mich auf die Probe stellen“, meinte Kim und tat so als hätte sie eine List durchschaut.

„Ganz sicher nicht.“

„Dann sag doch. Du weißt es ja selbst nicht und wartest nur darauf, dass ich es sage und du dann zustimmend nicken kannst, als hättest du es gewusst.“

Vera war fassungslos. „So also vertuschst du deine Dummheit. Nicht schlecht, nicht schlecht. Aber meinetwegen: Steinmeier ist der zwölfte Bundespräsident von Deutschland.“

„Ha, wusste ichʼs doch!“, stieß Kim triumphierend aus und riss ihre Faust in die Luft, als hätte sie es von Anfang an gewusst.

„Als ob“, blieb ich unbeeindruckt. Das konnte sie mir nicht erzählen.

„Aber ja, ich war mir nur nicht mehr sicher, ob er der elfte oder zwölfte Bundeskanzler war.“

„Präsident!“, verbesserte ich sie streng. „Aber wie auch immer, du weißt ja schon alles.

„Du kannst mich ja abfragen, Vera“, forderte Kim mich heraus. „Dann sehen wir, wer hier die Klügere ist. Du erzählst etwas über den Präsidenten und ich nicke, wenn ich das auch gewusst hätte.“

„Bitte was?“ Fassungslos traf es nun nicht mehr ganz, was meinen aktuellen Zustand beschrieb.

„Ach, hast du etwa Angst zu verlieren?“, frotzelte mich Kim listig.

„Angst? Ich? Mach dich auf was gefasst!“ Über den zwölften Bundespräsidenten Deutschlands wusste ich alles. Anlässlich seines 70. Geburtstags, den er sich mit dem 150. Geburtstag Konrad Adenauers – dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – teilte, hatte ich einen umfangreichen Artikel über Steinmeier schreiben dürfen, der zu seinem Ehrentag pünktlich am 5. Januar 2026 in der ePaper-Ausgabe publiziert wurde … für die Printausgabe hatte es leider nicht mehr gereicht. Kim blickte mich herausfordernd an. Na, die sollte was erleben! Ich richtete mich auf und rieb meine Hände.

„Mach dich auf deine Niederlage gefasst.“ Für die dramatische Stimmung lehnte ich mich mit verschränkten Armen zurück. „Fangen wir mit den Grundlagen an. Wusstest du, dass er eigentlich aus ganz einfachen Verhältnissen kommt? Sein Vater war Tischler, seine Mutter Fabrikarbeiterin in Lippe. Er ist kein abgehobener Elite-Sprössling, sondern hat sich alles selbst erarbeitet. Jura-Studium, Promotion über die Vermeidung von Obdachlosigkeit – ein echtes Thema für jemanden, der später das ganze Land repräsentieren sollte.“ Das beeindruckte mich, seit ich es gelesen hatte.

Kim nickte eifrig, als hätte sie das in ihrem imaginären Geschichtsbuch schon auf Seite eins gelesen. Dennoch konnte ich ihr ansehen, dass sie den Tischler aus Lippe lustiger fand als sie hätte tun dürfen, wenn ihr bereits alles bekannt war.

„Und jetzt zum wirklich Wichtigen“, fuhr ich fort, während ich sie scharf im Auge behielt. „Sein wohl heldenhaftester Moment war kein politischer Gipfel. 2010 ist er komplett von der Bildfläche verschwunden. Warum? Weil er seiner schwerkranken Frau heldenhaft eine Niere gespendet hat. Zu einer Zeit, als er als Oppositionsführer eigentlich jede Minute für den politischen Kampf gebraucht hätte. Er hat die Macht gegen die Liebe getauscht und ist für Wochen im Krankenhaus verschwunden. Hast du das auch gewusst?“

„Natürlich“, behauptete Kim, doch ihr Grinsen wurde ein wenig unsicherer. Dieser Fakt schien sie wahrlich zu berühren.

„Schön. Dann weißt du ja sicher auch, dass Frank ein absoluter Fußball-Narr ist“, fuhr ich fort.

„Ach, ihr seid per du?“, unterbrach mich Kim.

Diesmal lag es an mir, zu nicken.

„Na sowas aber auch!“

Unbeirrt erzählte ich weiter über Frank. „Er ist treuer Fußballfan. Die Mannschaft kennst du ja sowieso, nicht wahr?“

Wie erhofft, geriet Kim ins Straucheln, ließ sich davon jedoch beeindruckend wenig beeinflussen. „Dieser eine Verein mit den Fußball da. Wie heißt er ich gleich? Mir liegtʼs auf der Zunge.“

„FC Schalke 04“, half ich ihr großzügig auf die Sprünge.

„Schalke, natürlich. Irgendwas, das so ähnlich wie Falke klingt. Wie ich gesagt habe.“

Nun ging es ans Eingemachte. „Und falls du dich über das Meme wunderst, das du mir gezeigt hast: Das ist wahrscheinlich das Foto aus dem Regierungsflieger. Als Außenminister ist er so viel geflogen, dass er fast mehr Zeit in der Luft als am Boden verbracht hat. Man nannte ihn die ‚Graue Eminenz‘, den Strategen hinter Gerhard Schröder, den Architekten der Agenda 2010. Er war zweimal Außenminister und Vizekanzler, bevor er 2017 zum ersten Mal ins Schloss Bellevue einzog.“

„Präsidenten-Palast, klar, klar“, warf Kim klugscheißerisch ein, als sei sie dort auch schon einmal gewesen.

„Genau. Und heute, an seinem 70. Geburtstag, wird ihm erst richtig bewusst, in welche Fußstapfen er getreten ist. Dass er sich den Geburtstag mit Adenauer teilt, ist fast schon schicksalhaft. Der erste Kanzler und der zwölfte Präsident – zwei Männer, die Deutschland geprägt haben, auch wenn der eine ein Faible für Rosen hatte und der andere für Schalke.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Na, Kim? Immer noch dabei? Oder war das schon zu viel Insider-Wissen für dein ‚Ich-nicke-einfach-ab‘-Spiel?“

„Die Rosen, damit hattest du mich. Aber das war fies, über Konrad weiß ich nichts.“

„Ach, ihr seid per du?“, unterbrach ich Kim. „Na sowas aber auch!“

„Erzähl mir was Neues“, tat Kim gelangweilt. „Die Standards weiß doch jedes Grundschulkind.“

„Ach wirklich?“, wiederholte ich und ein hinterlistiges Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Ich beschloss, sie ordentlich hinters Licht zu führen. „Dann hat dich sicher auch sein privates Hobby nicht überrascht.“

Kim gähnte demonstrativ. „Welches meinst du? Die Schalke-Sache? Langweilig.“

„Nein, nein.“ Ich beugte mich verschwörerisch zu ihr vor. „Ich meine seine Leidenschaft für das Extrem-Jodeln. Er hat letzten Sommer unter dem Pseudonym Franky-Lippe diesen Wettbewerb in den bayerischen Alpen gewonnen. Es war ein Riesenskandal im Schloss Bellevue, weil er dabei fast seine Amtskette im Gebirgsbach verloren hätte. Aber er sagte ja selbst in der Pressekonferenz: Ein Präsident braucht ein Ventil für Stress.“

Kim hielt inne. Man sah förmlich, wie die Zahnräder in ihrem Kopf kurz stockten, bevor sie sich mit einem kräftigen Ruck erneut in Bewegung setzten. Sie setzte ihr unschuldigstes Lächeln auf und nickte so heftig, dass ihre Ohrringe klapperten.

„Aber natürlich wusstest du das auch“, meinte ich, während ich Kim längst überführt hatte.

„Ich wusste das alles, du hast mir nichts, aber auch wirklich gar nichts Neues erzählt!“, meinte Kim mit gespielt gelangweilter Miene und strich sich eine Locke aus der Stirn. „Das mit dem Jodeln war doch sogar in den TikTok-Trends, Vera. Franky-Lippe ist Kult. Dass du das erst jetzt recherchiert hast, wundert mich fast ein bisschen.“

Ich lehnte mich langsam zurück, griff nach meinem Kaffee und nahm einen genüsslichen Schluck.

„Interessant“, meinte ich trocken. „Vor allem, weil Steinmeier in seinem ganzen Leben noch nie einen Jodler über die Lippen gebracht hat. Und Franky-Lippe ist der Name eines örtlichen Wurstfabrikanten aus seiner Heimat, den ich mir gerade ausgedacht habe.“

Kims triumphierendes Lächeln gefror. Ihre Faust, die eben noch in der Luft geschwebt hatte, sank langsam nach unten. Die Stille zwischen uns wurde nur durch das leise Ticken der Wanduhr unterbrochen.

„Du …“, setzte sie an, suchte nach Worten und fing dann an zu lachen. „Du bist so dämlich, Vera!“

„Und du eine miserable Lügnerin, Kim“, meinte ich und klappte mein Tablet zu. „Aber tröste dich: Dass er seiner Frau eine Niere gespendet hat, war wirklich wahr. Und dass er heute 70 wird, auch. Den Rest – also den Teil mit dem Weltklasse-Jodler – streichen wir lieber aus deinem Gedächtnis, bevor du es bei der nächsten Party als Fakt verkaufst.“ Wobei ihr ohnehin niemand Glauben schenkte, da würde das auch nichts mehr ändern.

Kim schüttelte den Kopf und grinste. „Na gut, Punkt für dich. Aber gib zu: Franky-Lippe wäre ein verdammt guter Künstlername für einen Bundespräsidenten.“

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