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Lo que se escondía detrás de las puertas

Dina Noche Prudencio

Eine deiner kritischsten Figuren erhält einen ‚Schlüssel zur Tür der Geheimnisse‘. Was entdeckt sie, das besser verborgen geblieben wäre?

Kaum wurde das Wetter wärmer, stürmten die Gäste in die Lokale, um sich ein kühles Getränk bringen zu lassen. Schön für meinen Chef, schön für seine Kasse, anstrengend für uns Angestellte.

Bereits seit knapp zwei Stunden hetzte ich von Tisch zu Tisch, um den Gästen ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. Mein Bedürfnis unterdrückte ich hingegen seit nunmehr einer Stunde. Doch wie so oft waren wir unterbesetzt, sodass ich es mir nicht leisten konnte, einen Moment durchzuatmen – und schon gar nicht, um mal kurz für kleine Kellnerinnen zu gehen.

„Bitte eine erfrischende Apfelsaftschorle“, bestellte gerade ein Gast. Nun ja, die bräuchte ich momentan auch. Doch es half nichts.

Haltung bewahren, Krönchen richten, weiter gehtʼs, ermahnte ich mich. Nur hörte ich mir leider nicht so gut wie erhofft. Mein Körper brauchte dringend eine Pause. Und bevor ich dehydriert und erschöpft in der Ecke lag, machte ich lieber eine Pause, und ging das Risiko ein, Ärger mit meinem Chef zu bekommen. Denn in der Ecke liegend konnte er noch weniger mit mir anfangen. Doch mein Chef sah das anders.

Und wenn man vom Teufel spricht … Gerade stampfte er um die Ecke, stellte seine Cola, dekoriert mit Sonnenschirmchen und einer Limettenscheibe, heftig auf der Theke ab, sodass die darin schwimmenden Eiswürfel klirrten.

„Keine Müdigkeit vortäuschen!“, spornte er mich an. „Fürs Pausemachen bezahle ich dich nicht.“

Am liebsten hätte ich entgegnet, dass er ohnehin kaum etwas zahlte, so gering, wie mein Lohn war. Ganz und gar nicht genug für das, was ich und die anderen Kellnerinnen hier leisteten.

„Ja, ja“, sagte ich und schob mich zurück in den Gastraum, um weitere Bestellungen aufzunehmen und Trinkgeld für meine Freundlichkeit zu bekommen, das sich später ohnehin mein Chef unter den Nagel reißen würde.

Als er mich auf dem Rückweg noch einmal anpampte, dass ich nicht freundlich genug schauen würde, riss mir endgültig der Geduldsfaden.

„Mir ist übel, ich muss mal schnell auf die Toilette“, log ich – so halb. Etwas schwummrig war mir wirklich.

Ich setzte mich auf eines der Klos und öffnete die Dämme, aus denen keine Sekunden später die Niagarafälle ausbrachen. Das tat gut!

Als ich meine Hände wusch, beobachtete mich wieder einmal die dicke Helga. Die edle Dame lächelte adrett von einem Portrait von der Wand, die damals den Fliegenden Drachen eröffnet hatte. Nun ja, dort hatte er noch ein anderes Publikum bedient. Einst war diese Gaststätte nämlich ein Freudenhaus gewesen, doch darüber sprach niemand mehr. Deshalb hatte mein Chef dieses Portrait, zu schade zum Wegwerfen, auf die Mitarbeitertoilette verbannt, von woaus die dicke Helga seither kritisch beobachtete, ob wir denn auch gründlich genug unsere Hände wünschen.

„Ach, Helga.“ Seufzend wandte ich mich ihr zu. Vorwurfsvoll guckte mich diese an. Ganz so, als ob sie gleich skeptisch etwas erwidern wollte.

„Ich höre ja schon auf zu jammern“, murmelte ich. Da fiel mein Blick plötzlich auf ihren großzügigen Ausschnitt – oder vielmehr die Kette, die dort prangte. Noch nie war mir aufgefallen, dass anstatt eines Diadems oder etwas anderem Wertvollen dort lediglich ein Schlüssel hing. Ein Schlüssel mit ziemlich realistischer Größe, in 3D-Optik. Vorsichtig fuhr ich mit dem Finger die Konturen nach. Da stockte mir der Atem. Der Schlüssel war gar nicht aufgemalt. Er war übermalt. Da hatte jemand tatsächlich einen Schlüssel auf die Leinwand geklebt und so offensichtlich versteckt, dass es niemandem aufgefallen war.

Seit Jahren schaute uns diese Helga über die Schulter. Sollte sie womöglich ein Geheimnis bewahren? Was hatte Puff-Helga wohl zu verbergen?

Behutsam kratzte ich an dem Schlüssel ein Stück Farbe ab. Es ging überraschend einfach und kurz darauf hielt ich ihn in der Hand. Helga schaute griesgrämig dabei zu, wie ich ihre Kette entwendete und an ihrer Brust ein Loch wie eine offene Schusswunde zurückblieb.

„Ich bringe ihn wieder zurück“, versprach ich ihr, was die Gute gekonnt ignorierte.

Nun stand ich da, mit einem Schlüssel in der Hand. Doch wozu war dieser Schlüssel gut?

Auf dem Rückweg in den Gästeraum kam ich am Büro meines Chefs vorbei. Dieser war gerade nicht da. Klar, er trank ja genüsslich Cola, während wir uns zu Tode schufteten. Also war die Luft rein.

Ich wusste nicht, was in mich gefahren war, doch plötzlich verspürte ich den Drang, sein Büro zu betreten. Wenn dieser Raum schon damals das Büro gewesen war, als noch Helga hier regiert hatte, würde der Schlüssel womöglich dort zu seinem Schloss finden. Vorsichtig drückte ich die Türklinke nach unten. Die Tür schwang auf und ich trat ein.

Nervös betrat ich den Raum und presste den Schlüssel fest an meine Brust. Ich ließ meinen Blick schweifen. Das reinste Chaos zeigte sich mir. Kein Wunder, empfing mein Chef nur ungern jemanden bei sich im Büro. Doch alle Gedanken darüber rückten schlagartig in den Hintergrund, als ich im hintersten Eck des Büros eine unscheinbare Tür entdeckte. Sie war aus dunklem, massivem Holz, was so gar nicht zum Rest der Einrichtung passte. Diese sah eher aus, als hätte er sie aus eBay Kleinanzeigen zusammengestellt.

Meine Finger zitterten, als ich den Schlüssel in das Schloss steckte. Der Bart wies große Zacken auf. Einen so alten Schlüssel hatte ich noch nie gesehen. Doch das Schloss zeigte die gleiche Musterung. Langsam drehte ich den Schlüssel. Etwas schwerer zwar, doch er passte eindeutig. Dann schwang die Tür auf.

Mit angehaltenem Atem betrat ich den dahinter liegenden Raum und wäre fast wieder rückwärts heraus getaumelt. Was sich mir dort offenbarte, ließ das Büro meines Chefs wie ein verspieltes Kinderzimmer wirken. Lederne Gürtel, Handschellen, Knüppel, Seile und sämtliche Masken hingen an den Wänden. Olala, diese Helga hatte wohl ein abenteuerliches Leben geführt. Ich wollte nicht wissen, welche Orgien sich in diesem Raum abgespielt haben mussten. Es sah wohl ganz so aus, als ob diese adrette Helga eine Domina gewesen war. Das war ihr Geheimnis gewesen. Und ich wusste nun davon. Nur ich! Nicht, dass ich das hätte wissen wollen, doch womöglich war ich die erste seit Jahrzehnten gewesen, die diesen Raum zu Gesicht bekommen hatte. Wohl besser so. Meinem Chef würde ich davon jedoch nichts verraten.

Sorgsam verriegelte ich die Tür, verwischte sorgsam meine Spuren, was in diesem Chaos wohl gar nicht nötig gewesen wäre, und verließ klammheimlich das Büro. Den Schlüssel ließ ich in meiner Hosentasche verschwinden. Sorry, Helga. Wer weiß, wozu der noch gut sein würde?

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