Wer ist die wahre Protagonistin?
Vera Sturm
Die Gerüchteküche brodelt: Die Protastik endet nach 249 Folgen! Was tut deine engagierteste Figur, um dies zu verhindern?
Ich hatte nicht einmal die Wohnung betreten, vernahm ich ein klägliches Schluchzen. Als ich behutsam an den Türrahmen klopfte, um auf mich aufmerksam zu machen, reagierte sie nicht einmal.
„Kim“, sagte ich sanft und setzte mich neben sie. „Was ist los?“
Endlich blickte sie auf. Ihre Augen waren rot verheult. Sie wimmerte und brachte kaum einen Ton heraus.
„Kim“, wagte ich einen neuen Versuch, so einfühlsam wie möglich. „Beruhige dich erst einmal und dann erzähl mir, was mir dir los ist.“
Kim schüttelte nur den Kopf. „Zu Ende, einfach zu Ende. Das darf nicht sein.“ Dicke Tränen kullerten ihr über die Wangen.
Ich hielt diesen Anblick kaum aus. Was war bloß vorgefallen, das sie so fertig gemacht hatte? „Was ist zu Ende? Nun sag schon! Ich mache mir langsam richtig Sorgen. Hat dein Freund mit dir Schluss gemacht?“
Das hätte ich nicht sagen sollen. Als hätte ich ihr einen Dolch in die Rippen gerammt, riss sie ihren Kopf nach hinten und schrie wehleidig auf. „Ich habe nicht einmal einen Freund! Dass du mir das auch noch vorhalten musst!“
„Ich … es tut mir leid. Das wollte ich nicht.“ Mist ich war gerade einfach nur überfordert. Ich wusste weder, was in sie gefahren war, noch was ich tun konnte, damit es ihr besser erging.
„Es ist vorbei“, gab sie noch einmal mit vor Weinen rau gewordener Stimme von sich.
„Was? Was ist vorbei?“ Ich erhoffte mir keine Antwort mehr.
„Die Protastik. Ich habe es gerade auf Instagram gelesen. Nach 250 Folgen soll es einfach enden. Einfach so!“ Kim blickte mich direkt an und ich konnte den Hass in ihren Augen sehen, der sich mit der Verzweiflung ein wildes Duell lieferte, wer nun gerade die Kontrolle über Kims Körper übernehmen durfte.
„Was?“ Das traf mich mehr als erwartet. Damit hatte ich am aller wenigsten gerechnet. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass sie wieder voll durchstarten würde und wir tolle Abenteuer vor uns hatten. Das durfte nicht sein.
„Nein, Kim, das wird sie nicht!“, versprach ich ihr. „Wir halten sie auf. Und wenn wir sie übernehmen müssen, um sie fortzusetzen. Die Protastik darf und wird nicht enden.“ Diese großartigen, wenn auch hin und wieder wilde Erfahrungen wollte ich nicht missen.
„Und wie willst du das machen?“ Kim schniefte herzerweichend und putzte ihre Nase, die von mindestens einer Stunde Weinen zeugte.
„Ich bin doch bei der Zeitung“, begann ich, meinen spontan erdachten Plan in Worte zu fassen.
Kim richtete sich auf. Hoffnung lag in ihren Augen. Gebannt hing sie an meinen Lippen. Der Plan schien ihr von Sekunde zu Sekunde mehr zu gefallen. Nachdem ich meine Schilderungen beendet hatte, nickte Kim kampfeslustig und zückte ihr Handy.
„Was … was hast du vor?“ Ich wusste, wie impulsiv Kim sein konnte. Hoffentlich machte sie keine Dummheiten.
„Ich werde Dina anrufen!“, informierte sie mich mit verschwörerischer Miene, als rufe sie gleich beim FBI an. Das Gespräch dauerte keine Minute, da legte Kim zufrieden lächelnd auf.
„Was hat sie gesagt?“, wollte ich wissen.
„Sie ist schon auf dem Weg hierher – und stinksauer. Ich wusste, auf Dina ist Verlass.“
„Was hast du ihr erzählt?“, hakte ich nun doch etwas misstrauisch nach.
„Nur die Wahrheit. Ich habe ihr gesagt, dass ich erfahren habe, dass sie aus der Geschichte gestrichen werden soll und wir jetzt handeln müssen.“
„Dein Ernst?“ Fassungslos schaute ich meine Freundin an. „Du weißt schon, dass wir alle früher oder später gestrichen werden?“
Erneut füllten sich Kims Augen mit Tränen. „Ja, aber ich habe es nicht geschafft, das auszusprechen!“
„Ach, aber Dina zu erzählen, dass nur sie gestrichen wird, fiel die leichter?“
Schulterzuckend gab Kim ein „Irgendwie schon“, gefolgt von einem verzweifelten Lachen von sich.
„Ich hoffe einfach, dass ich in der letzten Szene dabei sein kann, um einen epischen Schrei von mir zu geben. Ich möchte The Last Woman Standing sein, die letzte Überlebende der Apokalypse …“
„Das willst du also?“ Mir wäre es lieber gewesen, einen würdevollen Abschied zu bekommen und dann vom unabwendbaren Ende nichts mehr mitzubekommen. Diesen Heldentod wollte ich niemals sterben!
„Aber sicher doch“, verteidigte Kim ihre sonderbare Ansicht. „Als Protagonistin habe ich schließlich eine besondere Verantwortung. Aber du kannst ja gar nicht mitsprechen, Entschuldigung. Statistenrollen und Nebencharaktere haben zur Geschichte gar nicht so eine innige Bindung.“
„Du siehst mich als Statistenrolle?“, entfuhr es mir. Oha, das traf mich nun wirklich.
Kim nickte.
„Ich habe uns immer auf Augenhöhe gesehen. Wir drei: ich, du und Dina. Jede hatte ihre großen Momente und jede von uns auch ihre Niederlagen, aber das gehört dazu. Und gemeinsam haben wir jede Situation gemeistert. Ganz egal, ich jemand in Geldnot war, krank oder einfach nur traurig. Wir waren doch immer ein Team. Weißt du nicht mehr? KDV. So hast du uns doch genannt: das Kim-Dina-Vera-Team.“
„Eben: KDV.“ Bekräftigend nickte Kim. Auf meine emotionale Ansprache war sie gar nicht eingegangen. „Nun frag dich mal, wieso es nicht das VDK-Team war?“
„Weil DKV eine Krankenversicherung ist und VDK der Sozialverband Deutschland?“
Damit schien Kim nicht gerechnet zu haben. Irritiert guckte sie mich an. „Echt jetzt?“
„Ja, ziemlich sicher sogar“, wusste ich.
Kim brauchte einen Moment, bis sie ihre Worte wiederfand. „Nein, wir heißen KDV, weil ich an erster Stelle stehe und ihr nur Nebenrollen oder Statisten seid.“
„Unfassbar!“, empörte ich mich. „Du weißt aber auch, dass KDV für Kriegsdienstverweigerer steht, hoffe ich?“
Abermals wirkte sie überrascht. „Echt jetzt?“
„Ja-haa!“, murrte ich. Es war mir eine Genugtuung zu sehen, dass Kim das offensichtlich nicht passte.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Endlich, Dina! Jetzt konnten wir hoffentlich dieses Gerücht ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Denn ich glaubte daran nicht!
„Warte!“, stieß Kim panisch aus und versperrte mir den Weg zu Tür. „Bevor sie mir die Show stiehlt.“
Im ersten Moment wusste ich nicht, was Kim vorhatte, doch dann fielen mir ihre Worte wieder ein, als sie sich auf den Boden kniete und einen epischen Schrei von sich gab.
„Ich möchte die deinen Protagonisten-Weltuntergang-Moment ja nur ungern zerstören“, unterbrach ich sie, „aber Dina steht noch immer vor der Tür.“ Mit einem seligen Lächeln öffnete ich die Tür und stahl Kim die Show. Denn es lag doch klar auf der Hand: ich war hier die unumstrittene Hauptfigur!
Ein kleines Geheimnis muss ich an dieser Stelle wohl noch offenbaren, liebe Leser. Protastik nimmt natürlich kein Ende. Es ist eine große Sache, dass es bereits 250 Folgen gibt. Natürlich waren wir nicht bei allen Folgen dabei. Aber wer könnte wohl besser glaubwürdig ein Gerücht in die Welt setzen als eine Reporterin?