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Beziehungsdrama

Vera Sturm

Deine ehrlichste Figur hat die Wahrheit ausgesprochen und steht jetzt vor einem Beziehungsproblem. Was geschieht?

„Ich kündige“, brachte Kim unter Tränen heraus.

„Was? Deinen nicht vorhandenen Job?“ Ich war verwirrt. Mir war nicht bewusst gewesen, dass Kim arbeitete.

„Nein, unsere Freundschaft!“, wimmerte sie.

Nun lag es an mir, nicht zu weinen. „Bitte was?“, stießen Dina und ich gleichzeitig aus.

Ich war fassungslos. „Wieso …? Kim, du kannst doch nicht einfach so unsere Freundschaft kündigen. Ich meine, ja, du hast es nicht immer einfach mit uns – aber glaube mir, wir mit dir auch ganz und gar nicht.“

„Das war nicht das, was ich jetzt hören wollte“, wies sie mich schniefend zurecht.

„Ach nein? Ich wollte von dir auch nicht hören, dass du unsere Freundschaft kündigst“, teilte ich ihr mein Bedauern mit.

„Ja, es muss sein“, beharrte Kim. „Ich halte es nicht mehr aus.“

„Aber … hä, wieso?“ Auch Dina verstand die Welt nicht mehr. „Was? Uns? Mich?“

„Alles.“ Das Wort fiel wie ein Stein in eine bodenlose Höhle. „Das Chaos, die ständigen Überraschungen, dass für Dina ihre Hündin an erster stelle steht, dass du immer nur von einer Sensation zur nächsten hetzt, um einen neuen, besseren Artikel schreiben zu können … und dass ich einfach nie weiß, was als Nächstes kommt.“

Ich verschränkte die Arme. „Das ist jetzt aber nicht fair! Du bist es doch, die immer für Wirbel sorgt. Mein Leben wäre so viel einfacher, wenn …“ Ich brach ab. Das hatte ich nicht sagen wollen.

Kim sah auf. „Was?“ Ihre Stimme brach. „Meinst du etwa, dass dein Leben ohne mich einfacher wäre? Wolltest du das sagen?“

„Nein, Kim, ich …“ Was sollte ich darauf nur sagen?

Kim rieb sich die Schläfen. „Könnte es irgendwas mit … diesem Typen letzte Woche zu tun haben? Der, der so lange vor der Haustür stand?“

„Welcher Typ?“ Ich sah Dina an.

„Ach, nur jemand, der angeblich die falsche Klingel gedrückt hat. Er hat einen Zettel hinterlassen.“

„Und warum erfahre ich sowas erst jetzt?“ Kim war empört.

„Weil du im Wohnzimmer warst und …“ Dina grinste schief. „Deinen berühmten dreißigminütigen Schönheitsschlaf gemacht hast.“

Kim schnappte nach Luft. „Das meine ich! Immer hackt ihr auf mir herum.“

„Na ja, ich brauche den nicht“, murmelte Dina.

Kim kam gerade erst so richtig in Fahrt. „Immer halbe Informationen, komische Zufälle – das strengt mich an.“

„Du hast also keine Angst vor dem Zettel, sondern davor, dass unser Leben so unvorhersehbar ist?“, fragte ich.

„Ja!“, rief sie, und ihre Stimme brach fast. „Ich will morgens aufstehen und wissen, wie der Tag läuft. Nicht, dass ich plötzlich in irgendein Abenteuer stolpere, nur weil jemand dreimal an die Tür klopft.“

Ich setzte mich neben sie. „Vielleicht … ist das hier aber genau das, was wir sind. Du, ich, Dina – wir stolpern in Dinge hinein. Wir schaffen Chaos, ja, aber wir schaffen auch Erinnerungen, die man nicht vergisst.“

Kim sah zu Boden. „Erinnerungen sind schön. Aber sie machen mich nicht weniger müde.“

Dina stand auf und stellte sich vor uns. „Also, wie wär’s so: Wir lösen das mit dem Zettel, und danach kriegt Kim eine Woche absolute Ruhe. Keine Überraschungen, kein Chaos. Wir machen einen Plan, wann wir uns treffen und halten uns daran.“

„Du? An einen Plan?“, fragte Kim.

„Ich kann, wenn ich will!“ Dina hob den Finger. „Aber erst mal klären wir, was uns angeblich nicht gehört.“

Kim starrte den Zettel an, als würde er die Antwort selbst preisgeben. „Was, wenn das nur ein Trick ist? Jemand, der sehen will, ob wir reagieren?“

„Dann spielen wir eben mit.“ Ich grinste – ein Grinsen, das Kim sofort erkannte.

„Oh nein“, murmelte sie, „jetzt kommt wieder dein Detektivmodus. Und gleich schreibst du wieder einen Artikel darüber!“

Ich überging diese Bemerkung und zog mein Handy aus der Tasche. „Wir fangen damit an, im Treppenhaus herumzufragen. Vielleicht hat jemand anderes auch so einen Zettel bekommen.“

„Und wenn nicht?“ Dina schnappte sich ihre Jacke.

„Dann suchen wir im Park nach diesem mysteriösen Typen.“

„Ich wollte gerade sagen, dass ich nicht mitkomme“, meinte Kim. „Aber …“ Sie seufzte. Ihre Neugier machte es ihr unmöglich, zuhause zu sitzen und abzuwarten.

Entschlossen liefen wir Richtung Park.

„Und wenn er noch da ist?“, fragte Kim leise.

„Dann fragen wir ihn, was er verloren hat“, sagte Dina, „und geben es ihm zurück.“

„Oder wir rennen schreiend weg“, ergänzte Kim.

„Sehr hilfreich“, murmelte ich.

Im Park roch es nach nassem Gras. Wir gingen den Hauptweg entlang, dann einen schmaleren Pfad, den nur Einheimische kannten. Und da stand er. Am Rand des Weges, halb im Schatten einer alten Eiche: mit einem schwarzen Mantel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er hielt eine Hand in der Tasche, als würde er etwas fest umklammern.

Dina trat einen Schritt vor. „Hey! Sie haben uns den Umschlag gegeben, oder?“

Er hob den Kopf. Seine Augen glänzten – nicht bedrohlich, aber eindringlich. „Ihr … habt es noch?“ Seine Stimme war leise, heiser.

„Den Zettel?“, fragte ich.

„Nicht den Zettel. Das, wovon er spricht.“

Wir tauschten ratlose Blicke. „Wir wissen nicht mal, was es ist“, gab Kim entrüstet zurück.

Er trat einen Schritt näher. „Dann … habt ihr vielleicht mehr, als ihr glaubt.“

Kim packte meinen Arm. „Das reicht. Ich bin raus. Jetzt wäre es an der Zeit, schreiend wegzurennen.“

„Wartet“, sagte er, „es ist nichts Gefährliches. Aber es gehört mir – und wenn es in die falschen Hände gerät, ist es zu spät.“

„Klingt irgendwie doch gefährlich“, flüsterte Dina.

„Was ist es?“, fragte ich.

Er lächelte schwach. „Etwas, das ihr schon lange habt, ohne es zu wissen.“

Bevor wir mehr erfahren konnten, rief jemand in der Ferne seinen Namen. Er zuckte zusammen, warf uns einen letzten Blick zu – und rannte in die Dunkelheit.

„Und genau das“, sagte Kim schließlich, „ist der Grund, warum ich kündigen wollte.“

Ich sah sie an – und musste trotz allem lächeln. „Aber du bist immer noch hier.“

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