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Brief an mich selbst

Vera Sturm

Deine am detailliertesten planende Figur erhält einen mysteriösen Brief mit der Aufschrift: ‚Von dir selbst, für heute‘.

Stress, Stress, Stress. Und wenn meine Nerven ohnehin blank lagen, kam noch das Karma dazu. Ich schob gerade eine Kiste mit Postkarten und Briefen ins Regal, als sie mir aus der Hand glitt und sich der gesamte Inhalt über den Boden verteilte.

„Mist!“, entfuhr es mir. Ich raufte mir die Haare. „Auch das noch!“ Verzweifelt kniete ich mich hin und räumte die Kiste wieder ein. Da fiel mir ein bis dahin noch geschlossener Brief ins Auge, der meine Aufmerksamkeit erregte. Irritiert las ich die Beschriftung:


Von dir selbst, für heute.


Aha. Daran konnte ich mich gar nicht erinnern. Das Datum darunter war bereits überfällig, sodass ich es vor Neugier kaum aushielt. Ich eilte in die Küche, schnitt den Brief auf und fand ein in schönster Schreibschrift beschriebenes Blatt Papier vor. Wie alt ich da wohl war? Zehn? Voller Neugier begann ich zu lesen.


Liebe Vera in der Zukunft,

ich schreibe mir diesen Brief mit zehn Jahren. Wenn du nicht mindestens zwanzig Jahre alt bist, klapp diesen Brief schnell wieder zu und vergiss ihn wieder, bis du zwanzig bist.


Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wie süß ich damals war. Oje, sie absurd. Ich fand mich – oder viel mehr mein Kindheits-Ich – einfach zuckersüß. Neugierig las ich weiter.


Mein größter Wunsch ist es, einmal Reporterin zu werden oder etwas mit Pflanzen zu machen. Bitte, bitte erfülle mir diesen Herzenswunsch.


Eine Freudenträne kullerte mir über die Wange. „Kleine Vera, dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.“ Ja, ich war Reporterin geworden. Und damit sogar einigermaßen erfolgreich. Ich konnte mich nicht beklagen. Als Reporterin für den Gemeindeanzeiger Ettlingen zu arbeiten, war ein Traum, den ich tagtäglich lebte. Nun ja, nicht immer fühlte es sich an wie einer. Es gab natürlich auch ernüchternde Tage, an denen ich mich zu Tode langweilte, wenn ich mir eine schnöde Neuigkeit schönreden musste. Doch diese Tage waren glücklicherweise an einer Hand abzählbar.

Aber weiter im Text. Ich wollte unbedingt wissen, was mein zehnjähriges Ich alles geschrieben hatte. Zu gerne würde ich an mein Kindheits-Ich zurückschreiben. Aber das war ein Wunsch, den ich wohl niemals erfüllt bekommen sollte.


Aber wenn du ein neues Hobby findest, ist das natürlich auch okay.


Naw, danke dir, kleine Vera. Das ist ja großzügig von dir.


Gerade stehe ich kurz vor der alles entscheidenden Entscheidung, die mein ganzes Leben verändern wird. Ich habe von meiner Klassenlehrerin eine Gymnasialempfehlung bekommen, aber ich will lieber auf die Realschule gehen. Ich will auf mein Gymnasium gehen.

Zukunfts-Vera, am liebsten würde ich dich fragen, wie ich mich entschieden habe und ob diese Entscheidung gut war.


Oje, kleine Vera, zu gern würde ich dir sagen, dass du alles richtig gemacht hast.


Mathe ist ja nicht so meine Stärke. Ich hoffe einfach, ich treffe die richtige Entscheidung. Meine Schul-Freundin Lisa will mich überreden, dass ich mit ihr aufs Gymnasium gehe. Aber das will ich eigentlich gar nicht.


Keine Sorge, du hast dich genau richtig entschieden, kleine Vera. Lisa wird nämlich bald zu dir auf die Realschule wechseln, da es ihr zu schwer würde. Und Mathe ist auch heute noch nicht deine Stärke …


Zukunfts-Vera, wie gerne würde ich dich fragen, was ich machen soll, und ob du Tipps für mich hast. Aber jetzt muss ich leider ins Bett. Es ist schon zwanzig Uhr und Mama hat schon zum zweiten Mal gerufen. Ich hoffe, meine Wünsche werden in Erfüllung gehen und du hast diese bereits geschafft, wenn du das hier liest.


Ich atmete glücklich aus. Ja, ich lebe meinen Traum. Alles wurde letztlich so, wie du es dir damals gewünscht hast, kleine Vera.

Ich klappte den Brief zu und presste ihn fest an meine Brust. Dieses wertvolle Stückchen meiner Kindheit wollte ich bewahren. Anstatt zurück in die Kiste, bekam dieser nun einen Ehrenplatz über meinem Schreibtisch, dass ich mich jeden Tag daran erinnern konnte, dass meine Wünsche wahr geworden waren. Und das, kleine Vera, ist das Wichtigste auf der Welt: Lebe deinen Traum!

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