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My clothes, my memories

Kim Posse

Deine modemuffeligste Figur hat ein Umstyling gewonnen. Wie läuft die Vorher-Nachher-Show?

Mit hochrotem Kopf stand ich zwischen zwei Kleidungsbergen in meinem WG-Zimmer und bekam schier die Krise. Ich hatte ein Umstyling gewonnen. Na super! Jedoch war ich zufrieden mit meinem Outfit wie es war. Ich hatte an der Aktion nur teilgenommen, da es ein Preisgeld gab und die aussortierte Kleidung armen Kindern zugute kommen sollte. Doch nun hatte ich den Salat.

„Ich kann mich einfach nicht entscheiden“, gab ich wehleidig meiner Lage die richtige Stimmung. „In dem Brief stand, ich muss die Hälfte meiner Kleidung aussortieren. Alles, was ich länger als ein halbes Jahr nicht getragen habe, muss weg.“ Ich ließ meinen Blick über meine Kleidung wandern. Nein, ich konnte mich von keinem einzigen Teil trennen!

Zur Unterstützung hatte ich meine beiden besten Freundinnen Dina und Vera angerufen, die mir bei dieser schrecklichen Aufgabe helfen sollten. Vor allem Dina schien jedoch keinen Trennungsschmerz zu verspüren, als sie rabiat alles auf einen Haufen warf, was ihr nicht zusagte – ganz schön viel!

„Ey, willst du meinen ganzen Kleiderschrank wegwerfen?“, maulte ich sie an.

„So der Plan“, verriet mir Dina. „Ich würde mich mit so etwas nicht auf die Straße trauen. Nicht einmal an Fasching.“

„Mit was?“ Entsetzt riss ich meine Augen auf.

Kleidete ich mich etwa so schrecklich? Mir gefiel, was ich trug eigentlich ganz gut. Anstatt alles von Dina weggeworfen zu bekommen, wollte ich die Strategie umdrehen: „Was würdest du denn aus meinem Schrank auf den Behalten-Stapel legen?“

Skeptisch beäugte Dina meinen Schrank. „Na ja …“, sagte sie nach einer viel zu langen Pause.

„Was soll das heißen?“ Das war die pure Frechheit.

„Solange es dir gefällt, gefällt es ja zumindest irgendwem“, versuchte sie mir klarzumachen, dass ihrer Meinung nach ausnahmslos jedes Kleidungsstück gespendet werden sollte.

Na super! Hoffnungsvoll warf ich einen Blick zu Vera, die ebenso in meinen Schrank starrte wie Dina. Auch sie schien keinen Gefallen an meiner Auswahl zu finden. „Vera?“

Vera beugte sich vor und zog mein Lieblings-Shirt hervor. „Das kann schon mal weg, da sind wir uns doch einig, oder?“

Dina stimmte ihr mit kräftigem Nicken zu, ich war den Tränen nahe.

„Was? Dieses Shirt habe ich selbst gebatikt.“ Eilig entriss ich es Veras Händen, um es vor dem Weg-Stapel zu bewahren.

„So sieht es auch aus“, meinte Dina schulterzuckend.

„Wisst ihr was? Es war eine beschissene Idee, euch nach Rat zu fragen. Ich mache es lieber allein!“ Es fiel mir schwer, die Tränen zurückzuhalten. Bedeutete es etwa, dass sich die beiden schämten, wenn wir gemeinsam raus gingen?

„So ist es …“ Vera nickte.

Hatte sie etwa meine Gedanken gelesen? Wie konnte sie mir das nur antun?

„… wahrscheinlich am besten“, fügte sie noch hinzu und stand auf.

Ungewöhnlich wortkarg verabschiedete ich die beiden an der Tür. Zurück in meinem Zimmer brach ich erst einmal vor meinem Weg-Stapel zusammen und ließ meinen Tränen freien Lauf. All diese Stücke waren wunderschöne Unikate. Mit allen verband ich eine besondere Erinnerung. Unmöglich konnte ich diese einfach aussortieren.

Der türkisfarbene Pullover mit faustgroßem Ketchup-Fleck erinnerte mich an den 70. Geburtstag meiner Granny – es war ein wundervoller Tag gewesen. Das selbstgebatikte T-Shirt rief in mir die Gefühle meiner Kindheit hervor. Aus einem alten Batikset hatte ich die letzten Kleckse Farbe zusammengekratzt und mein T-Shirt darin gefärbt – danach war nicht nur das Kleidungsstück bunt gewesen. Über die Flecken auf meinem Teppich regte sich Mum noch heute auf. Die kurze Hose war zwar längst abgetragen und ausgeleiert, jedoch erinnerte es mich an meine erste Periode, bei der ich alles vollgeblutet hatte. Diese und weitere Kleidungsstücke trugen einfach zu viele Erinnerungen – gute wie schlechte – in sich, die ich niemals hergeben wollte.

Nein, dieser Wettbewerb sollte sich doch ein anderes Opfer suchen, dessen Schrank geräumt werden konnte. Ich würde mich jedenfalls von keinem einzigen Teil trennen. Von absolut keinem!

Gerade wollte ich alles wieder in meinem Kleiderschrank verstauen, da wurde die Tür schwungvoll aufgestoßen. Lisa stürmte herein und trug einen großen Berg alter Oberteile mit sich.

„Bist du schon am Ausmisten?“, stieß sie atemlos aus.

„Ich …“ Ich bin eigentlich gerade dabei, alles zurück in den Schrank zu räumen, weil ich mich von keinem Teil trennen kann.

„Ich habe es als guten Anlass genommen, um auch mal bei mir auszusortieren“, klärte mich Lisa auf und wuchtete ihre Altkleidersammlung auf meinen Schreibtischstuhl. „Einfach unfassbar, was sich da alles ansammelt. Den Großteil kannte ich schon gar nicht mehr, weil ich immer nur dieselben fünf Teile trage. Meine Lieblingsstücke eben. Den Rest konnte ich rigoros aussortieren.“

„Echt?“ Überrascht schaute ich Lisas Berg an. War das genug, um trotzdem noch am Wettbewerb teilzunehmen, sodass ich nichts meiner Kleidungsstücke hergeben musste? „Weißt du, ob Mara auch noch etwas loswerden möchte?“ Fragen kostete schließlich nichts.

„Die ist gerade dabei“, verriet mir Lisa zu meiner Überraschung. „Mach dich auf noch so einen großen Stapel gefasst. Es ist doch unfassbar, an wie viel Klamotten man festhält, die man nie trägt und dabei anderen Menschen noch damit helfen könnte. Ich finde Menschen, die ihren Kleiderschrank bis zum Obersten vollramschen und nie etwas aussortieren, wirklich egoistisch und abstoßend. Umso froher bin ich, dass du an diesem Wettbewerb teilgenommen hast. So können wir gemeinsam etwas Gutes tun.“

„Ja … finde ich auch.“ Diesen Verbalangriff musste ich erst einmal verdauen. Das hatte mich wirklich getroffen – und meinen überfüllten Schrank, der bis zum Obersten vollgeramscht war!

Beschämt starrte ich meinen Haufen an, von dem Lisa glaubte, dass ich diesen aussortiert hatte, und nicht gerade wieder dabei war, ihn zurück im Schrank zu verstauen.

„Puh, ich wusste ja nicht, dass du solch hässliche Fetzen in deinem Schrank hattest.“ Lisa bekam große Augen und brach in schallendes Gelächter aus. „Gut, dass dieser Schund endlich wegkommt.“

„Ja, ja“, gab ich wie betäubt von mir, „alles so hässlich, unfassbar.“

Da rumste es an der Tür und wir fuhren beide herum.

„Kann mir jemand aufmachen“, vernahm ich Maras Stimme.

Als ich ihr öffnete, trug auch sie einen beachtlichen Stapel aussortierter Kleidung in mein Zimmer und lud ihm auf dem Bett ab. Auch sie begutachtete meine angebliche Altkeidung und nickte. Auf ihrem Gesicht lag ein spöttisches Grinsen.

„Kim, von uns allen hattest du es wirklich am nötigsten“, stellte sie fest. „Und ich dachte schon, meine Klamotten seien hässlich.“

„Ja, ja.“ Mehr konnte und wollte ich nicht dazu sagen. Ich spürte, wie sich die Tränen anbahnten und kurz davor waren, auszubrechen. „Könnt ihr mich bitte in Ruhe lassen? Ich bin beschäftigt. Danke für eure tolle Unterstützung.“

Freudestrahlend verließen Lisa und Mara mein Zimmer. Sobald die Tür ins Schloss gefallen war, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Doch eine Tatsache tröstete mich. Nun hatte ich endgültig genug Kleidung, die ich spenden konnte, und mit etwas Glück doch noch das Preisgeld abräumen, ohne meine eigenen Kleidungsstücke hergeben zu müssen, von denen ich mich niemals hätte trennen können.

So verräumte ich schnell alles in meinem Schrank und ertappte mich dabei, wie ich noch das ein oder andere Teil meiner Mitbewohnerinnen abzwackte. Oje, mein Schrank war nun wirklich bis zum Obersten gefüllt. Wie egoistisch von mir!

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