Noche de terror
Dina Noche Prudencio
Schreibe zu Ehren Mary Shelleys eine Horrorgeschichte.
„H-hast du das gehört?“ Panisch klapperte sich Kim an meinen Arm.
So sehr ich mich auch anstrengte, hörte ich nichts. Auch Luna schien völlig entspannt, dabei hätten Hunde das wesentlich empfindsamere Gespür für Gefahren. Luna witterte nahende Gewitter Stunden, bevor der erste Regentropfen fiel. Gut, nächtliche Spaziergänge waren logischerweise aufregender als am Tag. Jedes Geräusch beflügelte die Fantasie und ließ ein Monster vermuten. Doch nach all den Jahren hatte ich mich daran gewöhnt.
„Nun hab dich nicht so“, wies ich sie an. „Es ist dunkel, mehr nicht. Den Weg kennst du. Was willst du überhaupt gehört haben?“
„W-was? Da hat ein Werwolf geknurrt – ganz eindeutig!“ Kim klammerte sich fester an mich.
„Es gibt keine Werwölfe.“ Ich wandte mich aus ihrem festen Griff, um nicht morgen von blauen Flecken übersät zu sein.
In diesem Moment blieb Luna abrupt stehen und spitzte die Ohren.
„Da, sie hat es auch gehört!“, klagte Kim.
„Ach was, sie hat etwas gehört, nicht deine Geister.“
„Was?“ Kims Augen weiteten sich. „Es gibt Geister? Wieso habe ich mich nur auf diesen Spaziergang eingelassen?“
„Es ist doch alles gut“, versuchte ich die zu beruhigen. „Schau, Luna läuft schon wieder –“ Weiter, hatte ich noch ergänzen wollen, doch das tat sie nicht.
Die silbergraue Hündin zog unerwartet den Schwanz ein und winselte kläglich. Nun wurde es mir auch unwohl.
„Luna-Maus, was ist?“
Doch Luna reagierte nicht. Sie zitterte am ganzen Körper und wimmerte kläglich. Ich wollte sie gerade beruhigend streicheln, da sprang sie auf und zog heftig an der Leine. Fast wäre sie meinen Fingern entglitten.
„Luna!“, stieß ich erschrocken aus.
„Siehst du, hier ist etwas!“, jaulte Kim. Ihre Stimme klang rau vor Angst.
„Ich gebe es ungern zu, aber ich kriege auch gerade ziemlich Angst. Lass uns schleunigst nach Hause kommen.“ Die Leine auf maximaler Spannung, rannte ich Luna hinterher, Kim im Schlepptau.
Da erklang erneut ein markerschütterndes Knurren. Wir alle hatten es deutlich gehört. Regungslos standen wir da. Blanke Panik zeichnete unsere Gesichter.
„Was ist das?“, bekam Kim heulend heraus. „Oh nein, wir werden diese Nacht nicht überleben!“
„So etwas darfst du nicht sagen!“, schrie ich verzweifelt, um das Zittern in meiner Stimme halbwegs zu überspielen.
Da raschelte es im Gebüsch, Zweige brachen. Das grollende Knurren tat sein Übriges.
Kim kreischte panisch auf, wobei ich mich diesmal keine Sekunde später anschloss. Selbst Luna jaulte kläglich auf.
Mit gesenktem Kopf kam das Untier auf uns zu. Langsam. Lauernd.
Da erkannte ich, was es war. Kein Monster, kein übernatürliches Wesen. Vor uns stand leibhaftig ein …
„Scheiße, das ist ein Tiger!“, kreischte ich und erstarrte. Wie, um alles in der Welt, kam ein Tiger in den Wald?
Kim war mucksmäuschenstill. Kein Schreien, keine Fluchtversuche. Als ich sie für einen Bruchteil einer Sekunde anschaute, um das Raubtier nicht aus den Augen zu lassen, wurde mir auch klar, wieso. Kim hatte bereits die Augen verdreht und sackte in sich zusammen. Sie war ohnmächtig geworden.
„Scheiße!“ Nun übernahm die Panik und der pure Überlebensinstinkt. Ich wusste nicht, was ich tat und wie ich überhaupt dazu in der Lage war. Ich folgte meinem Körper, war wie in Trance. Ich griff nach einem Stock und fuchtelte damit herum, schlug mehrfach vor ihm auf den Boden und schwang ihn wieder durch die Luft.
„Verschwinde!“, brüllte ich aus Leibeskräften, wie ich noch nie gebrüllt hatte. „Verschwinde! Oder es wird dir leidtun.“
Im ersten Moment schien es den Tiger tatsächlich zu beeindrucken, doch dann richtete er sich auf und schlug mir mit seiner starken Pranke einfach den Stock aus der Hand. Lauernd kam er näher.
Ich wusste nicht, was in mich gefahren war, wie ich überhaupt dazu in der Lage gewesen war … Mit aller Kraft schlug ich der Riesenkatze auf die Schnauze, was sie tatsächlich einen Schritt zurückweichen ließ.
„Nimm das!“, brüllte ich. „Und komm nicht näher, sonst fängst du dir gleich noch eine.“
Anders als zunächst vermutet, hatte diese Aktion den Tiger nur kurz verunsichert. Er ging in den Gegenangriff über und kam nun schnellen Schrittes auf mich zu.
Verzweifelt stieß ich einen letzten Schrei aus, der mich meine ganze Luft kostete. Die Silhouette der gestreiften Großkatze verschwamm bereits vor meinen Augen. Ich hörte nur noch einen lauten Knall, bevor ich einsackte und hart neben Kim aufschlug.
Als mich einen Tag später im Krankenhaus vernahm, klärten sie mich erst einmal auf, was in der vorigen Horrornacht geschehen war. Ich hatte Glück im Unglück, denn aus dieser Situation lebend herauszukommen, hatte ich nur meiner rasenden Wut und meinem regelrecht todesmutigen Angriff zu verdanken. Ohne diesen hätte mich der Tiger vermutlich aufgeschlitzt wie ein …
„Wie ein Würstchen“, wiederholte der Polizist. „Gerade gastiert ein Zirkus in der Nähe. Ausgerechnet der Tigerkäfig war in dieser Nacht nicht richtig verriegelt worden.“ Er hatte zuvor den zuständigen Tierpfleger verhört und wusste über alles Bescheid. „Der Knall, den du gehört hast, kam von einem Betäubungsgewehr. Du hast dich schwer am Kopf verletzt, bist aber – soweit ich das diesem Zettel richtig entnehmen kann – außer Lebensgefahr.“
„Ich kann noch immer nicht ganz glauben, was passiert ist“, gab ich leise von mir. „Wo ist Luna … und Kim?“
„Dein Hund ist vorerst im Tierheim untergebracht, Kim liegt mit leichten Verletzungen im Zimmer nebenan. Ihr hattet beide Glück.“
„Ich muss zu Luna“, sagte ich und wollte aus dem Bett springen, doch sämtliche Kabel hunderten mich daran.
„Langsam, langsam, du wirst sie früh genug sehen. Doch jetzt ruhst du dich erst einmal aus und verarbeitest das Ganze.“