top of page

Protastik

Niklas Böhringer

Deine Figuren finden die Protastik Schreibchallenge unglaublich toll und machen Themenvorschläge für das Neue Jahr. Wer schlägt was vor und warum?

Wie heißt es so schön? Neues Jahr, neues Glück.

Pünktlich zum ersten Januar hatte Kim ein Treffen einberufen.

„Ein gutes neues Jahr, meine Lieben“, wünschte ich, als ich als letzter der Runde die Gäste komplett machte.

Kim preschte ungehalten auf mich zu und sprang mich wie ein tollwütiges Tier an. „Frohes Neues!“, rief sie. Anstatt den Knall des Böllers zu Silvester, lagen Kim und ich im nächsten Moment mit einem Knall im Gang.

„Kim“, stieß ich überrumpelt aus und rappelte mich wieder auf. „Wieso so stürmisch?“

„Ich dachte mir …“ Kim befreite sich erst einmal von der Kommode, unter die sie gerutscht war. „Bah, alles staubig! Ich dachte mir, da es letztes Jahr mit Schreien und Drohen nicht geklappt hat, versuche ich es zur Abwechslung mit Freundlichkeit.“

Mit großen Augen sah ich sie an. „Ah ja?“

„Aber ja!“, bestätigte Kim mit kräftigem Nicken. „Vielleicht hilft es ja auch bei dir.“

„Kim! Lass ihn doch erst einmal rein!“, maulte Dina und half mir auf die Beine.

Als wir um den Esstisch saßen, belud Kim meinen Teller mit allem, was sie nur finden konnte. „Gästen Essen anzubieten, wird als höflich empfunden“, erklärte sie sich.

„Anbieten, nicht aufzwingen!“, machte Vera ihr ihren Irrtum klar.

„Okay, kriege ja schon Angst. Kim, was soll das alles?“, wollte ich endlich wissen, während ich in meinem Teller herum stocherte.

„Du hast letztes Jahr unsere Geschichte so dermaßen vernachlässigt, dass ich Pickel bekomme.“ Sie hielt kurz inne und blickte in unsere fragenden Gesichter. „Vergesst es. Aber ich will, dass du endlich wieder die Geschichte über uns weiter schreibst: die eigentliche Buchreihe, die Protastik-Geschichten und nicht zuletzt der Protabrief-Montag, für den du mich auf Weltreise geschickt hast. Aber dann? Dann saß ich da blöd rum und kam nicht mehr weiter.“

Beschämt blickte ich in meinen Teller. „Ich weiß … aber gerade ist es durch mein Studium wirklich voll. Ich habe Praxissemester und auch ein Leben.“

„Ein Leben?“ Kim schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Lüge! Du lebst fürs Schreiben! Vergiss das nicht.“

Fassungslos blickte ich sie an. Meine Gabel, die mir vor Schreck vom Tisch gefallen war, hob ich wieder auf. „Es stimmt, ich liebe Schreiben. Aber gerade ist es wirklich schwierig, Kim.“

„Ich verstehe das“, schenkte Dina mir Mitgefühl. „Ich bin in der Lage, mein Leben selbstständig zu leben und muss nicht immer vorgeschrieben bekommen, was ich tun soll.“

Für einen Moment war Kim sprachlos.

„Genau, ich bin ganz froh, hin und wieder meinen eigenen Dingen nachzugehen. So etwas nennt sich Freizeit.“ Vera nickte.

„Ihr seid dämlich!“, beklagte Kim und begann zu schmollen. Sie wandte sich um und verließ den Raum.

„Heult die jetzt oder was?“, wollte Dina wissen.

Ich wollte gerade antworten, da tauchte Kim mit einem Block auf.

„Was ist das?“, wunderte sich Vera.

„Ein Content-Plan“, erklärte Kim. „Die Protastik hat doch jede Woche eine Aufgabe, was wir so erleben könnten. Aber dir passt das Thema ja anscheinend nicht!“

„Bitte was?“, warf ich entsetzt ein. „Da bringst du aber gehörig etwas durcheinander!“

„Na, wieso schreibst du dann nicht?“

„Es gäbe wirklich sehr viele Themen, auf die ich große Lust gehabt hätte – wirklich große Lust. Aber mir fehlt aktuell die Zeit.“

„Ach ja? Ich höre nur Ausreden! Vorher ging es ja auch. Was hat sich bitte geändert?“

„Das kann ich dir sagen. Ich konnte die vorigen Semester immer in der Bahn schreiben, wenn ich zur Pädagogischen Hochschule gefahren bin.“

„Und wieso geht das jetzt plötzlich nicht mehr?“

„Ich habe gerade Praxissemester und fahre dreimal die Woche Auto. Dabei schreibt es sich eher schlecht.“

„Oh“, Kim nahm die Faust herunter, „das … ist eine plausible Erklärung. Sie sei dir gestattet.“

„Wie großzügig!“, sagte Dina streng.

„Aber das Semester ist ja bald geschafft und ich habe wieder mehr Zeit“, besänftigte ich sie. „Dann will ich endlich euer Buch fertig schreiben. Und regelmäßiger Protastik-Geschichten.“

„Naaa gut …“, ließ sich Kim darauf ein. „Aber meine Ideen möchte ich dir trotzdem vorstellen.“ Damit klappte sie den Block auf und begann, die Aufgaben vorzulesen. Fünf dicht beschriebene Seiten arbeitete sie nun ab. Jede Aufgabe wurde absurder.

Während Vera und Dina Äußerungen wie „Da mache ich nicht mit!“, „Das kannst du schon allein machen!“ oder „Auf gar keinen Fall!“ machten, schüttelte ich nur den Kopf. Wie, fragte ich mich, kam sie auf solche Ideen.

„Ich hätte da auch eine Idee“, ging Vera nach der dreißigsten Aufgabe dazwischen. „Deine vorlauteste Figur ist zu weit gegangen und muss als Strafe nun Sozialstunden ableiten. Was hat sie verbrochen und was muss sie nun machen?“

„Spinnst du?“, fauchte Kim. „Wieso sagst du so etwas laut? Das könnte diesen Leuten aus Instagram vielleicht noch gefallen und ich muss mit der Müllzange den Park aufräumen.“

Dina zuckte mit den Schultern. „Klingt gar nicht so schlecht. Du hältst die Klappe, der Park wird sauber. Damit wäre allen geholfen.“

Wortlos hob Kim ihren Mittelfinger. Dann blätterte sie um und legte mir wortlos ihre Liste hin. Laut vorlesen wollte sie nicht mehr.


  • Deine schönste Figur wird von allen bewundert und nach ihren Geheimnissen gefragt.

  • Deine intelligenteste Figur wird von allen bewundert und nach ihren Geheimnissen gefragt.


Die Liste ging noch die ganze Seite so weiter.

„Kim, ich will ja nichts sagen, aber denkst du nicht, das ist ein bisschen eintönig?“

„Nein, wieso? Alle Aufgaben treffen auf mich zu und ich würde mich darüber freuen.“

„Die am besten riechende Figur?“, las ich eine ihrer Absurditäten laut vor, woraufhin Dina und Vera in schallendes Gelächter ausbrachen.

Kim schickte uns strafende Blicke und blätterte wortlos um. Glücklicherweise wurden die nächsten Aufgaben besser.


  • Deine beliebteste Figur steht am nächsten Morgen auf und wird plötzlich von allen schlecht behandelt. Was ist passiert?

  • Deine unsicherste Figur wird von allen grundlos wie Luft behandelt. Oder ist sie auf mysteriöse Weise wirklich unsichtbar geworden?

  • Deine kleinste Figur läuft an einer Schule vorbei und wird prompt ins Rektorat gerufen, da sie angeblich die Schule schwänzt.

  • Deine egoistischste Figur gewinnt im Lotto. Entweicht der Gewinn ihr Herz oder übernimmt die Gier?


„Da ist auf jeden Fall was dabei“, fand ich. „Wenn ich darf, nehme ich deine Vorschläge mit und schicke sie Christina, Anke und Jan zu.

„Au ja!“ Kims Augen leuchteten vor Vorfreude. „Danke!“

bottom of page