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Second End

Kim Posse

Dein Anta ist nachts in einer Bibliothek eingesperrt. Lernstunde, Drama oder …?

Bibliotheken waren für mich schon immer ein unheimlicher Ort, aber gleichzeitig auch so faszinierend. Die Ruhe schien an manchen Tagen unerträglich, das Wissen der Bücher hingegen unerschöpflich.

Ich saß mit einem Stapel Bücher an einem Tisch im hintersten Eck und las. Schon seit Stunden. Es waren sehr kurze Bücher: Kinderbücher … zugegeben, es waren Bilderbücher.

Aber das störte mich nicht. So konnte ich in kurzer Zeit mehr Bücher lesen. Meine Leseliste machte keinen Unterschied, wie dick das Buch letztlich war. Ob zwanzig Seiten oder zweitausend.

Nur hatte meine heutige Buchauswahl eines gemeinsam: Die Enden gefielen mir ganz und gar nicht. Am liebsten würde ich sie alle einfach abändern.

Vertieft in ein neues Buch, ließ mich das unerwartete Ende so zusammenzucken, dass ich das Buch vor Schreck unter eines der Regale schleuderte. Na super! Gerade als ich darunter krabbelte, erklang ein Gong und eine leicht genervte Stimme, die sich merklich auf ihren Feierabend freute, sagte die baldige Schließzeit durch.

Dass sie allerdings so bald war, bekam ich in all der Aufregung gar nicht mit. Ich steckte noch unter dem Regal fest, als die Bibliothekarin ihre Kontrollrunde drehte. Mich bemerkte sie gar nicht.

Plötzlich ging das Licht aus und ein Schlüssel verschloss die Eingangstüre. Hatte sie mich gerade wirklich eingeschlossen? Wie versteinert blieb ich liegen. Ich war tatsächlich in der Bibliothek gefangen. Allein! Dank diesem schrecklichen Buch! Na danke auch! Ich beschloss, Rache zu nehmen. Nicht an der Bibliothekarin, nein, an dem Buch. Mühsam kroch ich unter dem Regal hervor und begann, mich an dem Buch auszulassen. Das Ende gefiel mir nicht, also zückte ich erst einmal einen schwarzen Edding, um es durchzustreichen. Schon viel besser. Nun kramte ich einen Kuli und ein kariertes Blatt hervor. Darauf beendete ich das Buch so, wie es verdient hatte: dramatisch, traurig, mit einem unerwarteten Höhepunkt.

Es war das Märchen von „Aschenputtel“. Fürchterlich kitschig, dafür schön illustriert. Nach meinem Ende, das ich gerade feinsäuberlich einklebte, erlebte die Geschichte das Ende, das sie verdient hatte:

Der Prinz findet das arme Schneewittchen nach dem königlichen Ball nicht wieder. Versehentlich passt der Schuh dem Küchenjungen, den er kurzerhand heiratet. Wieso kann eine Geschichte nicht so enden? Aschenputtel muss weiter für die böse Stiefmutter arbeiten, will sich aber an ihr rächen. Sie mischt heimlich Gift ins Essen und bringt erst die Stiefmutter, dann die ebenso garstige Stiefschwester um. Da ihr die Burg rechtmäßig zusteht, wird sie die neue Burgherrin, die gerecht und freundlich regiert. Sie war eine Burgherrin, die von allen Bewohnern geliebt, geschätzt und unterstützt wurde.

Zufrieden begutachtete ich mein Werk. Ich sollte mich künftig öfter in der Bibliothek einschließen lassen. Es gab noch so viel zu tun.

Nachdem ich mein perfektes Ende eingeklebt hatte, machte ich mich an das nächste Buch. Bereits bei der dritten Seite zog sich alles in mir zusammen. Herrje, dieses Buch musste wohl stärker überarbeitet werden. Nicht einmal der Anfang war brauchbar. Dieses musste ich wohl oder übel vollständig umschreiben. So machte ich mich an die Arbeit.

Die ganze Nacht arbeitete ich an meiner persönlichen Neuauflage dieses literarischen Unfalls. Nur noch das Ende fehlte, da hörte ich, wie sich ein zweites Mal ein Schlüssel im Schloss drehte.

„Was machen Sie hier?“, wunderte sich der Bibliothekar. „Waren Sie die ganze Nacht in der Bibliothek?“

„Ich wurde versehentlich eingeschlossen“, berichtete ich und gähnte vor Übermüdung. „Aber ich konnte mich gut beschäftigen.“

Als sein Blick auf mein Meisterwerk fiel, stürzte ihm das Gesicht ab. „Was machen Sie?“ Diesmal lag pures Entsetzen in seiner Stimme. „Sie können doch nicht einfach in unseren Büchern herumschreiben. Das müssen Sie aber ersetzen! Wenn Sie Notizen im Buch machen wollen, kaufen Sie sich gefälligst ein Exemplar!“ So eine dreiste Kundin hatte er in all den Jahren noch nie erlebt.

„Notizen? Sie sind lustig.“ Belustigt schaute ich den Mann an. „Ich habe es umgeschrieben.“

„Bitte was?“

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