Sock hike
Kim Posse
Dilemma der Dialekte! Eine Redewendung deiner reiselustigsten Figur wird vollkommen missverstanden. Was passiert?
Den Rucksack gepackt, stand ich zum Aufbruch bereit vor Kims Tür, um sie abzuholen. Wir wollten gemeinsam wandern gehen. Als ich zum dritten Mal klingelte, kam unterdessen Dina mit ihrer Hündin angelaufen.
„Ja?“, meldete sich krachend eine helle Stimme an der Gegensprechanlage.
„Kim, dein Ernst? Ich klingle zum dritten Mal“, empörte ich mich. „Und jedes Mal quäkst du in die Sprechanlage, anstatt einfach bereit vor der Tür zu stehen, wie wir es vereinbart hatten!“
„Na, ist unser Prinzesschen noch im Modesalon gefangen?“, wollte Dina belustigt wissen.
„Das beschreibt es ganz gut.“ Verzweifelt lachte ich auf. „Kim, mach dich auf die Socken!“, motzte ich mich einmal in die Sprechanlage.
„Auf die Socken?“, erklang es verwirrt am anderen Ende der Leitung. „Habt ihr auch Socken an?“
„Ja, was für eine dumme Frage!“, schnauzte nun Dina.
Da öffnete sich die Türe endlich. Wie ein Model stolperte sie in ihrem selbst gebatikten T-Shirt und viel zu knappen Mini-Rock die Treppe herunter.
„Na endlich!“, gab ich genervt von mir.
„Ich bin ja schon da …“, versuchte Kim, mich zu beschwichtigen.
„Dann können wir ja endlich loslaufen“, entschied Dina.
Wir liefen zur Bushaltestelle. Gerade noch rechtzeitig. Der Bus schloss bereits die Türen, als wir ankamen. Freundlicherweise wartete er noch auf uns, als er uns im Seitenspiegel herbei rennen sah.
„Vielen Dank, dass Sie auf uns gewartet haben“, bedankte ich mich zwischen zwei Schnappatmungen beim Busfahrer. Dieser zwinkerte uns zu, tippte sich an die Mütze und gab ein knappes „Alles gut“, von sich, ehe er losfuhr.
Schwer atmen saßen wir in einem Vierer.
„Puh, ich bin ganz außer Atem“, hechelte Kim und legte die Füße auf den gegenüberliegenden Sitz.
„Hättest du nicht so ewig gebraucht, hätten wir nicht rennen müssen!“, schob ich die Schuld auf sie. „Und nimm die Füße vom Sitz! So etwas macht man nicht.“
Kim parierte tatsächlich. Doch dann fiel ihr Blick auf unsere Füße. „Ihr habt ja doch Schuhe an!“, stellte sie verdutzt fest.
„Du trägst nur Socken?“, bemerkte ich geschockt.
„Ja, wie es du gesagt hast.“ Kims Stimme zitterte. „Ich habe mich schon gefragt, was für eine blöde Idee das ist, sockig zu wandern.“
Fassungslos schaute ich sie an. „Was …?“
„Du hast gesagt, ich soll mich auf die Socken machen … Und das habe ich auch gemacht. Ihr ja eher nicht!“
Dina begriff in derselben Sekunde wie ich. Wir fingen beide an zu lachen.
„Kim, du Tollpatsch. Das sagt man doch nur so. Das ist eine Redewendung. Es bedeutet so viel wie: sei endlich fertig zum Aufbruch. Du hast vorhin so ewig gebraucht, da …“ Ich konnte nicht weiter reden. Die Situation war zu absurd, um nicht lachen zu müssen.
Kim hielt irritiert inne. „Oh“, brachte sie hervor, dann begann auch sie zu lachen.
„Aber so kannst du unmöglich wandern“, meinte Dina.
Kim wackelte mit ihren Fußzehen, dann schüttelte sie den Kopf. „Ne“, meinte sie, „das geht nicht.“
Und so stiegen wir an der nächsten Haltestelle wieder aus uns liegen zurück zu Kims Wohnung. Die Socken waren, als wir dort endlich angekommen waren, bereits durchgelaufen, sodass uns ihre Fußzehen genervt entgegenblickten.