top of page

Wrong date

Kim Posse

Deine verliebteste Figur bereitet etwas Besonders für Ihren Love-Interest vor. Plötzlich taucht eine fremde Person in der Wohnung auf.

In Gedanken ging ich noch einmal alles durch. Der Tisch war gedeckt, das Sofa abgesaugt, ja sogar das Bad hatte ich geputzt. Meinem Liebling sollte es schließlich an nichts fehlen.

Da ich Rätsel liebte, hatte ich überall im Park kleine Hinweise versteckt, die er erst einmal finden musste, bis ihn die Spur zu mir führen würde. Oh ja, das würde ein Spaß. Schade, dass ich nicht dabei zuschauen konnte, wie er sich den Kopf über meinem Rätsel zerbrach.

Das Läuten der Klingel riss mich aus den Gedanken. Das Herz schlug mir bis zum Hals, meine bis eben nur schwitzigen Hände begannen zusätzlich zu zittern.

„Ich komme schon“, rief ich und eilte zur Tür. Ich riss sie auf und schloss im selben Moment die Augen. Mit gespitzten Lippen erwartete ich meinem verdienten Kuss. Nun ja, einen Kuss bekam ich tatsächlich – allerdings nicht von der Person, die ich eigentlich zu küssen erwartet hatte. Seine Lippen fühlten sich anders an. Erschrocken riss ich die Augen auf, stieß einen spitzen Schrei aus und ihn zurück.

„Fuck, wer bist du?“

„Ich bin Kuschelbär. Du nennst mich doch so, stimmtʼs?“

„What?“ Überforderung war gerade das einzige, was mein Gesicht auszudrücken vermochte. „Wie, was, woher hast du …?“, stammelte ich.

„Die Hinweise?“, half er mir auf die Sprünge.

„Ich hatte sie versteckt.“

„Aha, so nennst du das?“ Er musste grinsen. „Etwas mit rotem Edding an eine Laterne zu schreiben, würde ich nicht als verstecken bezeichnen.“

Nun wurde ich langsam ärgerlich. „Das war auch gar nicht für dich bestimmt!“, fauchte ich ungehalten. „Die geheimen Hinweise waren für Kuschelbär! Und damit meine ich den richtigen Kuschelbär, meinen Kuschelbär! Nicht dich bärtigen Unholt!“

„Na ja, es war ja kaum zu übersehen“, rechtfertigte sich Fake-Kuschelbär.

„Mein Date hätte es gewiss beim ersten Blick übersehen! Er ist nämlich farbenblind und 1,70 Meter groß. Ich habe die Schrift auf 1,80 Meter geschrieben.“

„Aha. Darf ich trotzdem reinkommen?“, wollte er wissen. „Ich habe das Rätsel ja schon gelöst und jetzt bin ich schonmal hier und ich habe auch Hunger und eigentlich finde ich dich ganz süß und …“

„Nein!“, knurrte ich erbost und schlug ihm die Tür so heftig vor der Nase zu, dass es nur so rumste. Nein, nein, nein, das konnte unmöglich wahr sein. Um mich zu vergewisserrn, dass ich nicht träumte, riss ich die Tür noch einmal auf, wo noch immer dieser bärtige Kerl stand und unsicher lächelte. Kein Traum – rums! – schlug ich die Tür ein zweites Mal zu. Ich ließ mich von innen auf den Boden sinken und dachte nach. Er war nicht mein Date, ich kannte ihn überhaupt nicht. Andererseits hatte er mein Rätsel gelöst, er hatte Hunger und … findet mich süß? Abermals riss ich die Tür auf. Er stand noch immer da. Hatte er sich überhaupt bewegt gehabt? Erwartungvoll guckte er mich an.

„Na, komm schon rein“, meinte ich. „Das Essen wird sonst kalt.“

„Danke.“ Er streckte mir die Hand hin. „Freut mich, dich kennenzulernen, ich bin Tim.“

„Freut mich auch, ich bin Shanaya“, log ich – aber er gewiss auch. Er war eindeutig ein Türke und Türken hießen nicht Tim. Jeder wusste, dass alle Türken entweder Mohammed order Ali hießen. Wieso sollte ich also ehrlich sein?

Ich führte Fake-Tim also ins Esszimmer, wo bereits der Tisch hergerichtet war. „Setz dich, Tim.“

„Danke, das sieht köstlich aus.“

Wir begannen zu Essen, währenddessen eine unangenehme Stille herrschte. Da räusperte er sich.

„Shanaya?“

Irritiert blickte ich auf. „Was für Eier?“

„Äh …“ Meine Ratlosigkeit hatte wohl auch ihn aus dem Konzept gebracht. „Ich habe deinen Namen gesagt: Shanaya.“

„Was ist denn das für ein dummer …“, setzte ich an und wollte gerade über diesen bescheuerten Namen herziehen, da fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich doch mir kurzerhand diesen Namen gegeben hatte. Wie dumm! Hätte ich mir nicht einen besseren Namen aussuchen können? Ich hätte jeden Namen, wirklich jeden nehmen können!

Da mich Tim noch immer skeptisch musterte, fasste ich mich. „Was für ein dummer Hörfehler“, gab ich kichernd von mir. „Natürlich hast du meinen Namen gesagt. Ich bin Shanaya.“ Ich musste mir Mühe geben, diesen schrecklichen Namen nicht allzu abwertend zu sagen, schließlich musste ich ihm glaubhaft vorspielen, dass ich wirklich so hieß.

„Ja, du hast dich mir vorhin vorgestellt. Und ich bin Tim.“ Tim war sichtlich überfordert. Es war ihm merklich unwohl, dass er sich gerade fühlte, als ob er einen Fehler gemacht haben musste, dabei war doch ich diejenige gewesen, die sich hätte dumm fühlen müssen. Aber egal, wenn er das übernahm, konnte es mir recht sein.

„Schmecktʼs?“, wollte ich wissen, um das Gespräch auf ein Minimum zu reduzieren.

Tim nickte.

„Gut“, sagte ich und aß weiter, „mir auch.“

Dann sagte niemand mehr etwas.

Nach etwa fünf Minuten angenehmer Stille wagte Tim einen neuen Versuch: „Shanaya.“

Diesmal war ich darauf vorbereitet und reagierte gelassen. Ich legte meine Gabel beiseite, tupfte mir den mit mit einer Serviette sauber und sagte mit ruhiger Stimme: „Das bin ich.“

„Ich muss dir etwas sagen“, setzte Tim an.

Ha, jetzt würde er auspacken und mir verraten, dass er doch Mohammed hieß. „Ich dir auch, ich heiße in Wahrheit gar nicht Shanaya. Das ist ein beschissener Name! Mein Beileid an alle, die wirklich so heißen. Ich würde schleunigst heiraten und den Namen meines Partners annehmen …“

Fassungslos glotzte mich Tim an. „Bitte was?“

„Oh fuck, du wolltest etwas anderes sagen? Du heißt also wirklich Tim?“ Das war nun wirklich unangenehm!

„Natürlich heiße ich Tim, wieso sollte ich dich anlügen?“ Er hielt einen Moment inne. „Wieso hast du mich überhaupt angelogen? Ach egal. Wie heißt du dann wirklich?“

„Sorry, aus Versehen, ich dachte, du möchtest mich ausrauben.“

„Okay? Und anstatt mich einfach draußen stehen zu lassen, lädst du mich lieber zum Essen ein und sagst mir einen falschen Namen?“ Er verstand die Welt nicht mehr.

„Klar, du könntest …“

„Auf dem Klingelschild meinen Namen sehen“, fügte er mit vorwurfsvollem Blick hinzu.

„Shit, das hatte ich ja völlig vergessen! In Deutschland stehen ja die Namen am Schild, wie dumm!“ Ich ärgerte mich grün und blau. Das war einfach zu unsicher. In England gab es nirgendwo Namen, dort trug jedes Haus seine Nummer – fertig. Wer jemanden besuchen wollte, wusste, wo er diese Person finden konnte. „Was wolltest du mir eigentlich sagen, wenn du tatsächlich Tim heißt?“

„Wie sonst?“

„Mohammed oder Ali, alle Türken heißen so.“

„Bitte was? Was ist das für ein dummes Klischee? Wie viele Türken kennst du überhaupt?“

„Na, beide.“

Tim schlug sich die flache Hand an die Stirn. „Das wird mir alles zu viel. Ich … sollte besser wieder gehen. Ich war ohnehin nicht eingeladen. Ich bin ja zehn Zentimeter zu groß.“

„Nein, warte, du bist perfekt“, platzte es aus mir schneller heraus als ich denken konnte. „Ich hab sogar das Bad geputzt“, fügte ich leise hinzu. „Was wolltest du mir denn sagen, als du meinen Namen gesagt hast?“

„Das weiß ich nicht mehr“, meinte er und stand auf.

„Nein, bitte warte doch! Ich habe mich so ein Date gefreut. Können wir zumindest noch ein bisschen kuscheln?“

„Ich sollte wirklich besser gehen – um unser beider Willen. Tschüss, Kim.“

bottom of page