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Über rot und ohne Papiere

Vera Sturm

Eine deiner Figuren möchte ein Fortbewegungsmittel kaufen. Deine Figur, die alles besser weiß, will sie unbedingt beraten. Was kommt dabei heraus?

„Und wie wäre es mit diesem Auto?“ Aufgeregt deutete Kim auf ein besonders hässliches Exemplar.

Angewidert verzog ich das Gedicht. „Sei mir nicht böse, aber da gehen unsere Geschmäcker eindeutig auseinander. Ich bin nicht Barby. Ich will kein rosafarbenes Auto.“

„Ich findʼs schick!“

„Außerdem ist das Automatik. Ich will schalten.“ Mit meiner Hand vollführte ich ruckartige Bewegungen in der Luft, als würde ich einen überdimensional großen Schaltknauf bedienen, der direkt neben mir hing.

„Ach, Automatik ist viel angenehmer. Da muss man einfach nur reinsitzen und Gas geben.“ Kim sah nur die Vorteile.

„Das kriegst selbst du hin“, zog ich sie auf.

„Ey. Und außerdem muss man da auch schalten. Nämlich auf F.“ Sie verschränkte die Arme und schaute besserwisserisch drein.

„F?“ Bis gerade eben war ich mir sicher gewesen, die Schaltung der Automatikschaltung zu kennen.

„Na, für vorwärts!“, klärte mich Kim auf und tippte mir an die Stirn.

„F … für vorwärts?“ Nun lag es an mir, ihr an die Stirn zu tippen. „Erstens schreibt man vorwärts mit V, zweitens steht da ein D: für drive. Gerade du als Engländerin solltest das eigentlich wissen.“

Kim ging nicht weiter darauf ein. „Ich frage erst einmal, ob wir eine Probefahrt machen dürfen.“

Wenig motiviert trottete ich ihr hinterher. Ich zweifelte, wer hier eigentlich ein Auto wollte. Heute Morgen war ich der festen Überzeugung gewesen, dass ich Kim dazu überredet hatte, sich ein Auto mit mir anzugucken – für mich! Nicht umgekehrt.

„Entschuldigung, meine Freundin würde gerne mit dem Barby-Auto eine Probefahrt machen. Sie findet Automatik ganz toll“, belog Kim den Verkäufer wie gedruckt. Sie hatte sogar das Kennzeichen auswendig gelernt und sagte es gerade artig auf.

Nun ja, jedoch mit etwas zu viel Erfolg, nach meinem Geschmack. Ehe ich michʼs versah, saß nämlich ich auf dem Beifahrersitz und Kim am Steuer.

Grinsend startete sie den Motor. Als sie das Gaspedal bis Anschlag durchdrückte, heulte der Motor jaulend auf – so auch der Verkäufer, der mit großen Augen an die Scheibe der Fahrertüre klopfte.

„Langsam, langsam“, mahnte er, „das Auto hat 180 PS. Sie dürfen das Gaspedal nur streicheln.“

Kim nickte. Sie beugte sich hinunter, streichelte das Pedal, ehe sie ein zweites Mal mit dem Fuß drauf drückte. Zum Glück diesmal etwas sanfter. Erneut heulte das Auto auf, diesmal deutlich leiser.

Abermals klopfte der Verkäufer an die Scheibe. „Sie müssen schon auf D schalten, sonst fährt das Auto nicht. Haben Sie überhaupt Erfahrung mit Automatik?“

Kim nickte und schaltete auf D. Wider meines Wissens schaffte sie es tatsächlich, das Auto erst einmal genüsslich abzuwürgen. Ging das bei Automatik überhaupt? Als sie es erneut startete und das Gaspedal endlich mit eingelegtem Gang streichelte, rauschte das Auto vom Hof und preschte auf eine rote Ampel zu, die sie prompt überfuhr. Glücklicherweise war heute kaum etwas los, sodass wir freie Bahn hatten.

„Kim!“, schrie ich entsetzt. „Das war rot!“

„Ja“, gab sie wimmernd zu, immer noch in einem Affenzahn dahin brausend.

„Bremsen, bremsen!“, brüllte ich.

„Ich kann nicht. Das Auto hat nur zwei Pedale. Ich weiß nicht, ob das die Bremse oder die Kupplung ist.“

„Bitte was?“ Wieso hatte ich mich überhaupt mit ihr am Steuer in ein Auto gesetzt. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. „Kim, es gibt nur Gas und Bremse! Das ist ein Automatik!“

Das schien sie aus ihrer Starre befreien. Kim nahm ihren Bleifuß vom Gas – den rechten Fuß – und stellte – fuck! – den linken Fuß auf die Bremse. Das Auto kam keine Sekunde später zum völligen Stillstand.

Panisch schaute ich mich um. Glücklicherweise war die Straße unbefahren. Andernfalls hätte sie soeben womöglich einen Auffahrunfall der Extraklasse verursacht.

„Scheiße, Kim! Niemals mit links bremsen!“, fluchte ich und hielt mir den Kopf.

„Das … hab ich auch gemerkt“, gab sie stockend von sich. „Aber wofür ist der dann?“

„Für nichts – zumindest beim Automatik. Boah, mir hätte schon ein Licht aufgehen müssen, als du F für vorwärts gesagt hast. Ich war lebensmüde, mich neben dich zu setzen.“ Erbost stieg ich aus und zerrte sie vom Fahrersitz. „Weg da, ich fahre!“, wies ich sie streng an und stieg ein.

Die perplexe Kim umrundete das Auto, begutachtete die mehrere Meter lange Bremsspur und nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

„Ich glaube es ist besser, wenn du alles dem Verkäufer erklärst“, meinte Kim.

„Na danke! Aber der wird kein Sterbenswörtchen erfahren“, wies ich sie zurecht. „Hast du mich verstanden⁈ Der nimmt uns noch die Führerscheine ab.“

„Hast du schon einen?“, rutschte es Kim in diesem Moment heraus.

„Bitte was?“ Hatte ich mich gerade verhört? Hoffentlich! „Willst du etwa behaupten, du hast noch keinen Führerschein und setzt dich trotzdem hinters Steuer?“

Diese zuckte schuldbewusst mit den Schultern. „Eigentlich schon. Aber der Fahrprüfer wollte ihn mir einfach nicht geben.“

„Vielleicht bist du ja durchgefallen, würde mich nicht wundern.“ … In Anbetracht ihrer miserablen Fahrkünste, die uns um ein Haar um die Leitplanke gebracht hätten.

Undeutlich begann sie vor sich hin zu brabbeln und zählte irgend etwas an ihren Fingern ab. Sie war inzwischen bei der zweiten Hand angelangt.

„Was zählst du?“, fragte ich streng. Meine Geduld war am Ende.

„Meine Fahrprüfer. Ich habe vergessen, wie der letzte hieß.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, egal. Der war eh doof. Hat mich durchfallen lassen.“

Wortlos glotze ich sie an. Mit welcher Psychopathin war ich hier im Auto gelandet? Kopfschüttelnd startete ich den Motor und fuhr zurück zum Autohändler.

Mit den Worten „Rosa ist nichts für mich“ verließ ich schleunigst das Gelände, Kim im Schlepptau wie ein kleines, unartiges Kind.

„Eines kann ich dir sagen!“, maulte ich sie an, als ich sie vor ihrer Wohnungstür absetzte. „Mit dir werde ich so schnell kein Auto mehr fahren!“

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